Forum Bits & Bäume: Von Commerce zu Commons

Auch wenn uns das Internet ungeahnte Freiheiten, Vernetzungsmöglichkeiten etc. bietet, so ist es doch in den letzten Jahrzehnten zu einem durch und durch kommerzgetriebenen Raum geworden. Unter den 50 meistbesuchten Webseiten im Internet ist einzig die Wikipedia nicht profitgetrieben.

Doch wie kann insbesondere die Politik ein Internet, das sich am Gemeinwohl ausrichtet, fördern? Das war die zentrale Frage beim Forum „Bits & Bäume: Von Commerce zu Commons – ein gemeinwohlorientiertes Internet gestalten“. Dieses fand digital am 15.06.2020 statt. Mithilfe der gemeinfreien Konferenzsoftware Big Blue Button konnten die Teilnehmenden einerseits die Vorträge verschiedener Experten mitverfolgen und sich andererseits direkt per Ton und Video an der Diskussion beteiligen. Mehrere Gebärdendolmetschende sorgten dafür, dass die Veranstaltung auch gehörlosen Menschen zugänglich war.

Eine Einführung in die Thematik gab es zunächst durch Maike Gossen vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung und Prof. Dr. Tilman Santarius vom Einstein Center Digital Future. Prof. Sarah Spiekermann und Tabea Rößner lieferten zur Anregung für die darauf folgenden Diskussionen zwei Impulse. Spiekermann, Dozentin an der Wirtschaftsuniversität Wien, gab einen Einblick in den Überwachungskapitalismus, der sich bspw. hinter digitalen Sprachassistenten wie den Google Assistant verbirgt. Rößner, Sprecherin für Netzpolitik und Verbraucherschutz in der Bundestagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, zeigte auf, wie Digitalpolitik ein gemeinwohlorientiertes Internet fördern kann – sowohl auf Bundes- als auch auf europäischer Ebene – und veranschaulichte dies an aktuellen Projekten wie GAIA-X, einem „Projekt zum Aufbau einer leistungs- und wettbewerbsfähigen, sicheren und vertrauenswürdigen Dateninfrastruktur für Europa“ (s. Wikipedia).

Nach den Impulsen diskutierten die Teilnehmenden in mehreren Gruppen zu fünf Themen, die jeweils ihren eigenen kurzen Input bekamen:

  • Regulierung von Online-Werbung, Datenschutz und Tracking (Vivian Frick, Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin)
  • Nachhaltige Geschäftsmodelle für digitale Plattformen (Jonas Pentzien, Institut für ökologische Wirtschaftsforschung)
  • Nachhaltige Geschäftsmodelle für digitale Medien (Oliver Moldenhauer, Investigate Europe)
  • Datenschutzfreundliches und nachhaltiges Micropayment (Leon Schumacher, GNU Taler)
  • Souveräne digitale Infrastruktur (Dominik Piétron, Humboldt-Universität zu Berlin)

Jede Gruppe entwickelte daraufhin Lösungsansätze und formulierte teilweise auch konkrete Forderungen an die Politik. Anschließend präsentierten die Gruppen ihre Ergebnisse im digitalen Plenum.

Zum Abschluss diskutierten Rena Tangens, Gründerin und Vorstandsmitglied von Digitalcourage e.V. sowie Dr. Miika Blinn, Referent Team Digitales und Medien beim Verbraucherzentrale Bundesverband zusammen mit den Teilnehmenden, wie politischen Gestaltungsoptionen für ein gemeinwohlorientiertes Internet aussehen können.

Letztendlich ist es wichtig, dass wir als Gesellschaft auf unsere digitale Infrastruktur achten und insbesondere die Politik kontinuierlich an ihre Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwohl erinnern, findet Tabea Rößner, „damit diese sich nicht nur an den Interessen der Wirtschaft ausrichtet.“

Mit und über Medien lernen

In der Schule werden hauptsächlich zwei verschiedene Typen von Filmen verwendet: Spielfilme, die als Lückenfüller vor den Ferien dienen und altmodische Dokumentationen, die eher zum Schlafen als zum Lernen verleiten.

Im Workshop : „Überraschung garantiert! Digitale Berufsorientierung oder: ‚What’s life got to do with it?'“ sehen die Teilnehmenden zum Einstieg einen Erklärfilm zu Berufsorientierung, der diesen Klischees nicht entspricht. Protagonistin Ipek zeigt einen typischen Tag in ihren letzten Ferien. Mit ihrem besten Freund Tomás zieht sie durch die Stadt, dreht lustige Videos und genießt ihren freien Tag. Die Schülerin weiß noch nicht, was sie nach ihrem Abschluss machen möchte oder überhaupt welche Berufe es neben dem der Lehrkraft gibt. Dabei sind für das „Funktionieren“ des normalen Alltags zahlreiche Fachkräfte verschiedener Bereiche notwendig. Ipek fragt die Zuschauenden direkt: „Welchen Talenten oder Ausbildungsberufen habe ich diesen Tag zu verdanken?“

Das Video stoppt – die Teilnehmenden sind gefragt. Mit über 30 Berufen von der Fachkraft für Speiseeis bis zum Zerspanungsmechaniker liegen sogar einige richtig. Das Ende des Films zeigt anschaulich, wo all diese Berufe ihren Einfluss auf den Alltag wirken. Ipek appelliert, dass man diese berufliche Vielfalt entdecken und mit offenen Augen durch die Welt gehen solle, um seine Talente finden und fördern zu können.

Das Start-Up visionYOU, zu dem Referenten  Theresa Keil und Paul Lorenz gehören, zeigt dieses und andere Videos mit unterschiedlichen Konzepten auf ihrer visionTour – einer Projektwoche zur Berufsorientierung an verschiedenen Schulen. Schon im zehnminütigen Film ist deutlich, dass visionYOU die Lernthemen nicht auf altbekannte Weise übermitteln, sondern auf kreativen und modernen Wegen digitale Bildung voran treiben möchte. Das Unternehmen stellt einsatzbereite, multimediale Bildungskonzepte für Bildungsinstitutionen und Unternehmen.

Welche Vorteile die digitalen Lernkonzepte mit sich bringen, erfahren die Teilnehmenden ganz einfach durch Ausprobieren
Apps wie WWF Free Rivers vermitteln durch Augmented Reality anschaulich, wie das komplexe Ökosystem Fluss funktioniert. Die Informationen sind durch dieses Format viel einprägsamer als über lange Fachtexte. Das Material ist über Smartphones und Tablets ständig mobil verfügbar und die Nutzung der Programme an Schulen ist vergleichsweise einfach umsetzen.

Auch einfach umzusetzen, aber sehr wirkungsvoll sind 360°-Videos, die ihre Zuschauer in unbekannte Welten versetzen. Mit einer lustigen Pappbrille und seinem Smartphone befindet man sich im Handumdrehen auf einem Dach und sieht einem Dachdecker bei der Arbeit zu oder erforscht die Pyramiden in Ägypten. Die Videos sind frei zugänglich und bieten eine neue abwechslungsreiche Sichtweise zu verschiedensten Themen.

Digitale Bildung kann Barrieren überwinden. Robo Wunderkind zum Beispiel führt spielerisch Kinder an anspruchsvolle Themen wie Robotik und Informatik heran, wofür sie nicht einmal lesen können müssen. Mit dem Bau eines Roboters aus Bauklötzen und seiner Programmierung werden intuitiv mediale Kompetenzen vermittelt.

Alles zielt auf Interaktion. Allein ein Klick steigert den Lerneffekt im Vergleich zu klassischen Vorträgen. Best Practice-Beispiele zu E-Learning zeigen, dass es digital viele Möglichkeiten gibt, Informationen graphisch umzusetzen und auch, sich individuell an den Lernenden anzupassen. Je nachdem, für welche Antwort sich ein Benutzer beispielsweise in einem Test entscheidet, bekommt er unterschiedliche weiterführende Informationen oder Fragen.

Der Workshop fokussiert sich auf die Vorteile des Lernens mit und über Lernen
Nachteile werden nur nebenbei erwähnt. Warum? visionYOU hat die Erfahrung, dass diese, sobald man neue digitale Projekte umsetzen wolle, sowieso von Lehrkräften/Eltern/“den Entscheidenden“ genannt werden würden. Aber das solle kein Grund sein, sich der Digitalisierung zu verschließen und sich die vielen Vorteile entgehen zu lassen.

Dieser Artikel wurde geschrieben von Palina Tkachonak von der Jugendredaktion der Jungen Presse e.V., die live von der youcoN auf ihrem Magazin www.youthmag.de berichtet und uns diesen Beitrag freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Seit über 65 Jahren setzt sich die Junge Presse ehrenamtlich für medieninteressierte Jugendliche ein und ist einer der größten bundesweit aktiven Jugendmedienverbände.